Was passierte in den letzten Stunden eines Wollhaarmammuts vor 39.000 Jahren? Eine neue Studie liefert nun Hinweise – nicht aus Knochen oder Zähnen, sondern direkt aus den Genen, die damals aktiv waren. Forschende haben erstmals uralte RNA-Moleküle aus dem Gewebe von Mammuts entschlüsselt. Diese Entdeckung könnte die Paläogenetik revolutionieren – und sogar Einblicke in längst vergangene Virusinfektionen ermöglichen.
RNA als Fenster in die Vergangenheit
Wie das internationale Forschungsteam um Dr. Emilio Mármol vom Globe Institute in Kopenhagen mitteilte, sei es gelungen, RNA aus den konservierten Geweben von zehn Wollhaarmammuts zu isolieren und zu analysieren. Die Tiere stammten aus dem späten Pleistozän und wurden in nordöstlichen Regionen Sibiriens gefunden – darunter die Zentralregion Indigirka, die Küste von Oyogos Yar sowie die Neusibirischen Inseln. Besonders gut erhaltene Proben habe man aus dem Permafrostboden bergen können, hieß es.
RNA – die „Schwester“ der DNA – zeigt, welche Gene in einem bestimmten Moment aktiv sind. Während DNA jahrtausendelang überdauern kann, galt RNA bislang als zu instabil, um aus so alten Proben gewonnen zu werden. Doch laut Mármol ermögliche RNA einen einzigartigen Blick auf die biologische Aktivität kurz vor dem Tod eines Tieres. Diese Informationen seien aus DNA allein nicht zugänglich.
Ein Mammut mit aktiven Genen
Besonders spektakulär sei laut den Forschenden die Analyse des Mammuts „Yuka“, dessen Muskelgewebe auf ein Alter von etwa 39.000 Jahren datiert wurde. In dieser Probe konnten sie spezifische Muster der Genaktivität nachweisen – ein Novum in der Paläogenetik. Unter den mehr als 20.000 bekannten Genen des Mammuts seien nur bestimmte aktiv gewesen, etwa solche, die für Muskelkontraktion und Stoffwechselprozesse unter Stressbedingungen zuständig sind.
Die Studie, die am 14. November 2025 in der Fachzeitschrift Cell veröffentlicht wurde, wurde unter anderem von Forschenden der Universität Stockholm und des Zentrums für Paläogenetik begleitet. Professor Love Dalén von der Universität Stockholm erklärte, man habe zuvor bereits DNA aus über einer Million Jahre alten Proben gewonnen – nun sei man gespannt gewesen, ob sich auch RNA so weit in die Vergangenheit zurückverfolgen lasse.
Spurensuche mit Mikro-RNA
Ein zentrales Ergebnis der Studie war die Entdeckung sogenannter Mikro-RNAs – winziger RNA-Moleküle, die keine Proteine codieren, aber die Genaktivität regulieren. Dr. Marc Friedländer vom Wenner-Gren-Institut in Stockholm sagte, diese Funde seien ein direkter Beweis für Genregulation in Echtzeit – und das vor Zehntausenden von Jahren. Solche Mikro-RNAs seien bislang noch nie in so alten Proben nachgewiesen worden.
Dr. Bastian Fromm vom Arktischen Universitätsmuseum Norwegens ergänzte, dass bestimmte Mutationen in diesen Mikro-RNAs eindeutig auf ihre Herkunft vom Mammut schließen ließen. Zudem habe man sogar neue Gene identifiziert, die ausschließlich auf Grundlage der RNA-Daten entdeckt wurden – ein bislang einmaliger Vorgang bei fossilen Überresten.
Die Ergebnisse deuteten laut Professor Dalén darauf hin, dass RNA-Moleküle deutlich länger überdauern können als bisher angenommen. Dies eröffne nicht nur neue Möglichkeiten zur Erforschung ausgestorbener Tierarten, sondern auch zur Analyse prähistorischer RNA-Viren wie Influenza oder Coronaviren, die möglicherweise in Eiszeit-Überresten konserviert sind.
Quelle: www.cell.com

